Vortragsprogramm 2020/21
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Dienstag, 13. Oktober 2020
Ole Meiners (Lübeck)
Hanse.Quellen.Lesen! Ein virtuelles Citizen-Science-Projekt zu alten Handschriften
Die Digitalisierung verändert die Arbeitsweise der Geschichtswissenschaft in zunehmendem Maße. Die computergestützte Auswertung großer Datenmengen und die Präsentation in digitalen Medien bringen neue Perspektiven und Möglichkeiten mit sich. Ein wesentliches Hindernis hierbei stellen bislang die handschriftlich verfassten Quellen dar: Diese in ein maschinenlesbares Format zu übersetzen, sprich zu transkribieren, war bislang dem erfahrenen Fachmann vorbehalten, der mit entsprechendem Zeitaufwand die Schriften entzifferte. Das von der FGHO und dem Archiv der Hansestadt Lübeck im Frühjahr 2020 durchgeführte Pilotprojekt Hanse.Quellen.Lesen! ist mit Hilfe digitaler Werkzeuge neue Wege gegangen: Über eine webbasierte Plattform haben Citizen Scientists Quellen zur Hansegeschichte des 17. Jahrhunderts transkribiert. Diese Transkriptionen wurden als Grundlage für das Training einer automatisierten Handschriftenerkennung mittels maschinellem Lernen verwendet. Die Ergebnisse des Projektes sowie ein Ausblick auf zukünftige Vorhaben werden im Rahmen des Vortrags vorgestellt.
Dieser Vortrag musste leider ausfallen. -
Dienstag, 10. November 2020
Nils Jörn (Wismar)
Das Wismarer Verfestungsbuch
Im Archiv der Hansestadt Wismar befindet sich der Liber Proscriptorum, ein besonderes Stadtbuch, in dem zwschen 1353 und 1430 alle Verfestungen, Urfehden und Stadtverweisungen verzeichnet wurden. Das Spektrum der Straftaten, die allen drei gerichtlichen Maßnahmen zugrunde lagen, reichte von Beleidigungen über Ehebruch, Fälschungen, Körperverletzungen, Mord und Totschlag bis hin zu Raub, Notzucht und anderen Vergehen. Aus heutiger Sicht kurios muten Straftaten an wie das »Abschneiden der Zöpfe einer unverheirateten Frau«, das »Grüßen des Pfarrers auf der Kanzel« oder »Kleiderrisse«. Auch die Nennung von Nicolaus Stortebeker oder Godeke Mychels neben hunderten anderen Namen sticht ins Auge. Das Archiv der Hansestadt Wismar hat das vorliegende Verfestungsbuch in einem Projekt mit der Greifswalder Historikerin Sonja Birli ediert und herausgegeben. In Fotografien der Quelle, einer Umschrift des Textes und einer Übersetzung ins heutige Deutsch ist in 983 Einträgen das pralle Leben im Mittelalter in einer Stadt lübischen Rechts nachzuvollziehen. Der Wismarer Stadtarchivar Nils Jörn wird auf die Besonderheiten der Quelle eingehen, einzelne Fälle vorstellen und die Möglichkeiten ihrer Auswertung skizzieren. Dabei wird es nicht zu mediävistisch-ernst, denn neben der Edition ensteht gerade ein Buch mit studentischen Arbeiten zu der Quelle. Ein Buch mit Anekdoten, die sich aus dem Verfestungsbuch speisen, liegt bereits vor. Freuen Sie sich also auf einen nicht immer ernsten Ausflug in das Leben Ihrer Nachbarstadt von vor 600 Jahren. -
Freitag, 20. November 2020 – Sondertermin des Hansischen Geschichtsvereins
Oliver Auge (Kiel)
Um den Sieg betrogene Verbündete? Der Stralsunder Frieden und die norddeutschen Fürsten
Dieser Vortrag hätte auf der 136. Jahrestagung des Hansischen Geschichtsvereins vom 1. bis 4. Juni 2020 in Stralsund gehalten werden sollen. Wegen der Corona-Pandemie wurde er im Rahmen der Reihe »Handel, Geld und Politik« nachgeholt. -
Dienstag, 8. Dezember 2020
Gerald Schwedler (Kiel)
Wie hat man eigentlich die Marienkirche finanziert? Lübeck im Kontext der gotischen Gründerzeit in Europa
Zweifellos zählt die Lübecker Marienkirche zu den gotischen Spitzenwerken Europas. Doch wie konnte dieses außergewöhnliche Bauwerk mit internationaler Strahlkraft finanziert werden? Der Vortrag widmet sich den Strategien und kulturellen wie ökonomischen Hintergründen des Baus. Dabei geht es nicht nur um die Formen der Kirchenabgaben, Stiftungen, der Verflechtung von Rat und Kirche, dem schlechten Gewissen der Kaufleute, sondern auch um den Repräsentationsanspruch der Lübecker Bürgerschaft, die zu jenem Jahrhundertwerk führten. -
Dienstag, 12. Januar 2021
Niels Petersen (Göttingen)
Menschen im Transportnetz der Hanse
Hansehandel war nicht nur Sache der Kaufleute, denn die Waren mussten im Wortsinn auf den Markt gebracht werden. Der Vortrag stellt die Berufe, mithin die Menschen vor, die den vormodernen Transport trugen: Der Schiffer gehört zu den prominentesten Berufen, aber genauso waren der Böter, der Fuhrmann, der Träger, der Böttcher, der Wirt, der Hafenmeister oder der Zöllner mit der Logistik beschäftigt. Ferner wird nach der gesellschaftlichen Rolle und Einbindung dieser Menschen gefragt: Während im Binnenland Fuhrwesen und Flussschiffahrt nur in wenigen Orten prägende Bedeutung erreichten, kann man in den Seehäfen zweifellos von maritimen (Stadt-)Gesellschaft sprechen.
Dieser Vortrag musste leider ausfallen. Er wurde am 8. Februar 2022 nachgeholt. -
Dienstag, 9. Februar 2021
Christian Peplow (Ferdinandshof)
»welk doch moste achterlaten zien umme keringhe und gebrekes willen von wynde« – Über die Praxis maritimer Gewaltanwendung im Hanseraum des Spätmittelalters
Die maritimen Konflikte des 13., 14. und 15. Jahrhunderts im Gebiet der Hanse sind weit weniger spektakulär als allgemein angenommen. Dabei ist deutlich zu sagen, dass das noch immer stark vorherrschende populärwissenschaftliche Bild von zügelloser und waffenintensiver Gewalt im Umfeld der Seekonflikte keine Existenzberechtigung hat. Es gab (bis auf ganz wenige Ausnahmen) weder zu militärischen Zwecken exklusiv konstruierte Schiffe, noch lässt sich der exzessive Gebrauch von Schiffsgeschützen, sofern überhaupt vorhanden, nachweisen. Der Einsatz von überdimensionierten Wurfmaschinen und Katapulten während eines Seegefechts gehört endlich (!) ins Reich der Mythen verbannt. Für den Kampfeinsatz fanden grundsätzlich alle auch in der zivilen Handelsschifffahrt eingesetzten Schiffformen Verwendung, die, soweit dies für den Handelsverkehr noch nicht geschehen war, speziell umgebaut und mit Kastellen und Marsen ausgerüstet wurden. Da wir es mit durch Windkraft angetriebenen Wasserfahrzeugen zu tun haben, unterlagen Seekämpfe bestimmten Grundbedingungen, die nicht einfach zum Zwecke einer Dramatisierung des Kampfes auf dem Wasser negiert werden können. Dies betrifft auch die theoretischen Ansätze zum Thema Taktik und Strategie, die nach jetzigem Kenntnisstand eine eher untergeordnete Rolle gespielt haben dürften. Wenn Jäger und Gejagter – bildlich gesprochen – mit demselben Material kämpfen, so war letztlich nur durch die Erhöhung der Anzahl an Schiffen und Kämpfern ein Sieg zu erringen.
Dieser Vortrag musste leider ausfallen. Er wurde am 12. Oktober 2021 nachgeholt. -
Dienstag, 9. März 2021
Christian Manger (Amsterdam)
Schreiber im Streit. Ratssekretäre als Akteure städtischer Konfliktführung im Ostseeraum (1470–1540)
Spätmittelalterliche Hansestädte waren konfliktreiche Orte. Handels- oder Erbschaftsstreitigkeiten zwischen einzelnen Bürgern konnten zu internationalen Krisen führen, Kriegshandlungen zogen jahrelange Rechtsstreitigkeiten nach sich. Aber wer führte oder schlichtete solche Konflikte? Welche Taktikten und Strategien kamen zum Einsatz? Um eine Antwort auf diese Fragen zu geben, beleuchtet der Vortrag die bislang wenig beachteten Aktivitäten des gelehrten Ratspersonals in der städtischen Konfliktführung. Auf politischer Ebene konnten Sekretäre oder Stadtschreiber als Diplomaten agieren, in gerichtlichen Prozessen als Vermittler und rechtliche Experten. Denn ihre Arbeit in Rat und Kanzlei machte sie vertraut mit städtischer Rechtsprechung und Politik, während ihre oft universitäre Ausbildung sie überdies mit Expertenwissen, aber auch mit eigenen Netzwerken ausstattete. Der Vortrag legt dabei das Augenmerk auf die individuellen Handlungsspielräume und die Initiativen, die die Sekretäre selbst in diese Konflikte einbrachten.
Dieser Vortrag musste leider ausfallen. Er wurde am 10. November 2021 nachgeholt.