Vortragsprogramm 2021/22
Verlinkte Vortragstitel führen Sie direkt zum zugehörigen Video auf YouTube.
-
Dienstag, 12. Oktober 2021
Christian Peplow (Ferdinandshof)
"welk doch moste achterlaten zien umme keringhe und gebrekes willen von wynde" – Über die Praxis maritimer Gewaltanwendung im Hanseraum des Spätmittelalters
Die maritimen Konflikte des 13., 14. und 15. Jahrhunderts im Gebiet der Hanse sind weit weniger spektakulär als allgemein angenommen. Dabei ist deutlich zu sagen, dass das noch immer stark vorherrschende populärwissenschaftliche Bild von zügelloser und waffenintensiver Gewalt im Umfeld der Seekonflikte keine Existenzberechtigung hat. Es gab (bis auf ganz wenige Ausnahmen) weder zu militärischen Zwecken exklusiv konstruierte Schiffe, noch lässt sich der exzessive Gebrauch von Schiffsgeschützen, sofern überhaupt vorhanden, nachweisen. Der Einsatz von überdimensionierten Wurfmaschinen und Katapulten während eines Seegefechts gehört endlich (!) ins Reich der Mythen verbannt. Für den Kampfeinsatz fanden grundsätzlich alle auch in der zivilen Handelsschifffahrt eingesetzten Schiffformen Verwendung, die, soweit dies für den Handelsverkehr noch nicht geschehen war, speziell umgebaut und mit Kastellen und Marsen ausgerüstet wurden. Da wir es mit durch Windkraft angetriebenen Wasserfahrzeugen zu tun haben, unterlagen Seekämpfe bestimmten Grundbedingungen, die nicht einfach zum Zwecke einer Dramatisierung des Kampfes auf dem Wasser negiert werden können. Dies betrifft auch die theoretischen Ansätze zum Thema Taktik und Strategie, die nach jetzigem Kenntnisstand eine eher untergeordnete Rolle gespielt haben dürften. Wenn Jäger und Gejagter – bildlich gesprochen – mit demselben Material kämpfen, so war letztlich nur durch die Erhöhung der Anzahl an Schiffen und Kämpfern ein Sieg zu erringen. -
Mittwoch, 10. November 2021
Christian Manger (Amsterdam)
Schreiber im Streit. Ratssekretäre als Akteure städtischer Konfliktführung im Ostseeraum (1470–1540)
Spätmittelalterliche Hansestädte waren konfliktreiche Orte. Handels- oder Erbschaftsstreitigkeiten zwischen einzelnen Bürgern konnten zu internationalen Krisen führen, Kriegshandlungen zogen jahrelange Rechtsstreitigkeiten nach sich. Aber wer führte oder schlichtete solche Konflikte? Welche Taktikten und Strategien kamen zum Einsatz? Um eine Antwort auf diese Fragen zu geben, beleuchtet der Vortrag die bislang wenig beachteten Aktivitäten des gelehrten Ratspersonals in der städtischen Konfliktführung. Auf politischer Ebene konnten Sekretäre oder Stadtschreiber als Diplomaten agieren, in gerichtlichen Prozessen als Vermittler und rechtliche Experten. Denn ihre Arbeit in Rat und Kanzlei machte sie vertraut mit städtischer Rechtsprechung und Politik, während ihre oft universitäre Ausbildung sie überdies mit Expertenwissen, aber auch mit eigenen Netzwerken ausstattete. Der Vortrag legt dabei das Augenmerk auf die individuellen Handlungsspielräume und die Initiativen, die die Sekretäre selbst in diese Konflikte einbrachten. -
Dienstag, 14. Dezember 2021
Bart Holterman (Göttingen)
Auf der Spur des Stockfisches – hansische Kaufleute in Island, Shetland und den Färöern
Im späten 15. und 16. Jahrhundert betrieben Kaufleute aus Bremen und Hamburg – einige auch aus Lübeck und Oldenburg – einen regen Handel mit den nordatlantischen Inseln Island, Shetland und den Färöern. Sie wurden getrieben durch die große Nachfrage nach lang haltbarem Trockenfisch auf dem europäischen Markt. Der Handel mit diesen sogenannten Schatzländern der norwegischen Krone war aus hansischer Sicht umstritten, war er doch in den Privilegien des Hansekontors in Bergen (Norwegen) verboten. Das Thema löste damit viele Debatten auf den Hansetagen aus. Auf den Inseln waren die Handelsvoraussetzungen sehr unterschiedlich von den Häfen an der Nord- und Ostseeküste. Die lange Reise auf hoher See, das Fehlen städtischer Zentren und Hafenanlagen und das Verbot einer dauerhaften Niederlassung stellten die Kaufleute vor Herausforderungen. Bisher wurde davon ausgegangen, dass die Kaufleute dabei auf alte Handelsformen zurückgreifen mussten, und wurde der hansische Handel im Nordatlantik als rückwärtsgewandt gekennzeichnet. Anhand der Organisationsstrukturen, der Beziehungen der Kaufleute untereinander und auf den Inseln und ihrer sozialen Position in den norddeutschen Städten, wird im Vortrag gezeigt, dass dies keineswegs der Fall war. Vielmehr ist der Handel mit den nordatlantischen Inseln ein Beispiel für die Anpassungsfähigkeit der hansischen Kaufleute an den wirtschaftliche Strukturwandel im Spätmittelalter und der Frühen Neuzeit. -
Dienstag, 11. Januar 2022
Christina Link
»Stadtluft macht frei« – und reich? Das Magdeburger Recht als Standortvorteil
Das späte Mittelalter war das große Zeitalter der Stadtgründungen in Mittel- und Osteuropa. Neu gegründete, aber auch ältere Städte erhielten oder schufen nach und nach ein spezifisches städtisches Recht, das alle Belange des städtischen Lebens regeln sollte. Der heute noch bekannte Satz »Stadtluft macht frei«, der erst in der Neuzeit entstand, erinnert daran, wie attraktiv Städte für die damaligen Menschen waren – ein Versprechen von persönlicher Freiheit, von Wohlstand und sozialem Aufstieg. Im Zuge dieser Stadtgründungs- und Stadtentwicklungswelle übernahmen mehr als 1.000 Orte zwischen der Elbe und dem Dnjepr, zwischen der Ostsee und dem Balkan und zwischen dem 13. und 18. Jahrhundert das Magdeburger Stadtrecht. Ein Grund, zu fragen, was die Städte oder die Stadtherren bewog, ausgerechnet das Recht der Elbestadt zu wählen und nicht etwa das Lübische Recht oder ein anderes Stadtrecht. -
Dienstag, 8. Februar 2022
Niels Petersen (Göttingen)
Menschen im Transportnetz der Hanse
Hansehandel war nicht nur Sache der Kaufleute, denn die Waren mussten im Wortsinn auf den Markt gebracht werden. Der Vortrag stellt die Berufe, mithin die Menschen vor, die den vormodernen Transport trugen: Der Schiffer gehört zu den prominentesten Berufen, aber genauso waren der Böter, der Fuhrmann, der Träger, der Böttcher, der Wirt, der Hafenmeister oder der Zöllner mit der Logistik beschäftigt. Ferner wird nach der gesellschaftlichen Rolle und Einbindung dieser Menschen gefragt: Während im Binnenland Fuhrwesen und Flussschiffahrt nur in wenigen Orten prägende Bedeutung erreichten, kann man in den Seehäfen zweifellos von maritimer (Stadt-)Gesellschaft sprechen. -
Dienstag, 8. März 2022
Lena Vosding (Oxford)
Einhorn, Münze, Schweinebraten. Die irdische und himmlische Ökonomie des Benediktinerinnenklosters Lüne
Ins Kloster gehen – dieser Ausdruck ruft noch heute das Bild der monastischen Gemeinschaft auf, die fern abgeschieden von der Welt hinter hohen Klausurmauern dem Gebet, dem Studium und der stillen Handarbeit nachgeht. Doch sowohl heute wie im Mittelalter entsprach dieses Bild mehr dem angestrebten Ideal als der tatsächlich gelebten Wirklichkeit. Um existieren und ihre gesellschaftliche Funktion wahrnehmen zu können, brauchten selbst die diszipliniertesten Konvente den intensiven Austausch mit ihrer Umwelt. Dies gilt besonders für die Frauenklöster des Mittelalters, für die wegen ihres Geschlechts die Frage der Klausur traditionell besonders streng beantwortet wurde. Einen seltenen Einblick in die Funktionsweise dieses Paradoxes bieten die umfangreichen Briefbücher des Benediktinerinnenklosters Lüne aus dem 16. Jahrhundert. Hier lässt sich erkennen, wie rege die Nonnen aus ihrer Klausur heraus am Leben in Lüneburg und der Region Anteil nahmen. Sie handelten als Freundinnen, als Seelsorgerinnen, als Politikerinnen und nicht zuletzt als Geschäftsfrauen. Das Kapital, dass sie dabei einbrachten und geschickt zu mehren wussten, setzte sich aus zwei Elementen zusammen: Zum einen aus den weltlichen Besitzungen der Gemeinschaft, die von den Anteilen an der Saline bis hin zu den Schätzen in der Sakristei reichten. Zum anderen aber auch aus dem spirituellen Vermögen, als geweihte Nonnen wirkmächtige Fürbitte für das seelische Heil Anderer leisten zu können. Um das Kloster entstand so ein enges Netz des Austausches von gegenständlichen und symbolischen Gaben, die einen einmaligen – und teilweise sogar amüsanten Einblick – in den Alltag vor und hinter den Klausurmauern bieten. Dieses Netz nachzuzeichnen soll Ziel des Vortrags sein.